...und natürlich kann geschlachtet werden! PDF Drucken

Biopolitische Interventionen im Datenraum der Stadt

Clemens Apprich


Die zunehmende Ökonomisierung, Technisierung und Kommodifizierung menschlicher Lebensbereiche führte in den letzten Jahren zu einem Verschwinden autonomer Aktionsorte, an deren Stelle eine diffuse und verflüssigte Form der politischen Macht trat. Waren die Bruchlinien früher noch als Unterdrückungsverhältnisse sichtbar, so sind diese heute weitgehend zu Unterordnungsverhältnissen transformiert, deren Ursprung sich in den Weiten elektronischer Netzwerke verliert. Angesicht eines allumfassenden und computergestützten Kontroll- und Sicherheitsdispositivs, welches im Kern liberaler Gesellschaften zu finden ist, scheint es notwendig, nach neuen Formen der Abweichung zu suchen. Doch seit Foucault und seinem Denken der Immanenz von Machtverhältnissen ist diese Frage nicht mehr mit dem bloßen Verweis auf ein widerständiges Außen zu beantworten, sondern kann nur innerhalb der heutigen Mediengestalt verhandelt werden. Der Datenraum der Stadt bildet hier ein mögliches Aktionsfeld, auf dem sich eine gänzlich neue Ästhetik der Krise, der Kritik und des Widerstandes entwickeln könnte. So ist es die moderne Stadt, welche sich als Möglichkeitsraum konstituiert und damit der Biomacht als regulatorische Technologie der (urbanen) Bevölkerung Vorschub leistet. Die der Biopolitik entsprechende politische Form ist der aus dem modernen Staat entstandene Liberalismus, der selbst wiederum eng mit dem alten Traum der regierbaren Stadt verknüpft ist. Zu fragen wäre also, worin die Möglichkeiten aber auch Gefahren im Gebrauch der „neuen Medien“ für eine kritische Öffentlichkeit innerhalb urbaner Räume als reiner Potenzialität liegen und welchen Einfluss diese auf eine neue künstlerische Praxis haben könnten?


So entstand zu Beginn der 1990er Jahre eine äußerst aktive Medienkulturszene, die sich intensiv, kritisch und experimentell mit den Versprechungen und Risiken der neuen Netzwerktechnologien auseinander setzte. Ausgehend von der Feststellung, dass die taktische Medienarbeit in den letzten zehn Jahren zunehmend an Bedeutung verloren hat, soll das Thema des Symposiums aufgenommen und damit die Frage nach abweichenden politischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Praktiken behandelt werden. Insbesondere die moderne Stadt als hybride Mischung aus physischem und digitalem Raum, dessen architektonische Gestalt von einer Vielzahl an Datenströmen überlagert wird, bildet dabei ein mögliches Handlungsfeld, auf welchem mittels Konfrontation, Agitation und Intervention neue Öffentlichkeiten geschaffen werden können. Die Wiener Netzinstitution Public Netbase zählt hier zu den Pionieren, die in Österreich und Europa erstmals die digitale Welt für eine kritische Medienarbeit erschlossen, sowie Überwachung und Kontrolle in diesem Datenraum thematisiert haben. Im Rückblick lassen sich so interessante Positionen aufzeigen und ihre Relevanz für eine künftige künstlerische wie kulturelle Praxis darstellen. Vor allem das Kunstprojekt „Zellen Kämpfender Widerstand/kommando freiheit45“ (ZKW kf45), welches in Auseinandersetzung mit dem österreichischen Jubiläumsjahres 2005 stattfand, soll hier beispielhaft für die kritische Intervention in symbolische Herrschaftsverhältnisse stehen, zumal gerade in diesem Fall die biopolitische Verwertung des öffentlichen Raums mit der historischen Inszenierung von Staatlichkeit einher ging. Somit erlaubt die medientheoretische Darstellung der Arbeit von Public Netbase einen Kontext für die aktivistische Dekonstruktion offizieller Bildwelten und biopolitischer Zeichensysteme darzustellen und darüber hinaus in die bestehende Debatte rund um mögliche Anschlussfelder für taktische Medienarbeit einzugreifen.

Links:
http://netbase.org
http://zkw.netbase.org
http://media.lbg.ac.at
http://netzpioniere.at